Nichts hat mir so deutlich wie Web2.0 gezeigt, dass meine Jugend wohl vorüber ist.
Plötzlich gab es einen Hype, etwas, was in aller Munde war, versehen mit großen Worten wie Revolution, Kommunikation, Social Networking. Kreativität - alles Begriffe, die ich sehr positiv besetze.
Und jedes Mal, wenn ich mir die Websites anschaue, für die diese Begriffe bemüht werden, Blogs, Network-Plattformen etc., kommt mir das große Gähnen. Oder Kopfschütteln. Was zum Teufel ist daran so
toll? Wen bitte, soll das interessieren? Und regelmäßig werde ich belehrt und aufgeklärt, entweder mit Leidenschaft oder Zugriffszahlen, dass das sehr wohl interessiert, dass es gelesen wird und
dass Menschen sehr gerne auf diese Art entweder kommunizieren oder ihr Innerstes oder erfundenes Inneres einer Web2.0-Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.
Befremden.
Ganz dunkel erinnere ich mich dann - was mich ein wenig tröstet, weil ich damals in der vollen Blüte meiner Jugend stand - daran, auch während meines Studiums in den späten 80er Jahren ein
ähnliches Befremden gekannt zu haben. Damals überkam mich dieses angesichts der Texte der PoststrukturalistInnen und DekonstruktivistInnen. Das waren Texte von Lacan über Derrida und Kristeva bis
hin zu Paul de Man. Ich habe jedes einzelne Wort dieser Texte verstanden, ich habe hin und wieder einen Teilsatz verstanden, aber die Anneinanderreihung dieser Wörter und Teilsätze machte für mich
keinen Sinn. Ich las Satz für Satz, Text für Text und hatte an keiner Stelle das Gefühl, dass in meinem Gehirn der Bereich angesprochen wird, in dem sich Zusammenhänge herstellen. Wenn mich das
gerade einmal nicht frustrierte (und es war frustrierend, weil alle, die etwas auf sich hielten, Magister- und Doktorarbeiten über diese Texte schrieben), fand ich es als Phänomen interessant bis
bestürzend. Vage hoffte ich darauf, dass eines Tages jemand kommen würde wie das Kind in des Kaisers neue Kleider und rufen "Aber er hat ja gar nichts an", "Aber das macht doch alles gar keinen
Sinn!" So jemand kam nie.
Und ich glaube, auch in Sachen Web2.0 wird niemand mehr kommen und sagen, "Aber das ist doch alles Humbuk!". Also sehe ich sie alle bloggen, Facebooken, MySpacen und seit neuestem auch
Twiggen und kann mich nur an der Theorie des Generationen-Gaps festhalten, um das Phänomen halbwegs gelassen hinnehmen zu können.
Sagt es mir! Was ist so toll am Bloggen? Oder, andersherum gefragt: Warum ist Bloggen für die meisten Menschen jenseits der 40 so langweilig?